Startschuss: Der Ratsbeschluss 2015

 

Auf Vorschlag von Oberbürgermeister Jürgen Roters hat der Rat der Stadt Köln am 23. Juni 2015 entschieden, die maroden Schaugewächshäuser im Botanischen Garten durch einen Neubau zu ersetzen. Die Kosten liegen nach derzeitigem Planungsstand bei 11,4 Millionen Euro. Für die Planung der Glashäuser durch das Architekturbüro KönigsArchitekten, Köln und für flankierende Maßnahmen stellte der „Freundeskreis Botanischer Garten Köln“ bisher 460.000 Euro als Schenkung zur Verfügung. Die Eröffnung ist voraussichtlich für 2023 geplant. Im Bürgerhaushalt 2010 war das Projekt auf den ersten Platz gewählt worden. 

Blick vom Flora-Weiher auf die neuen Schaugewächshäuser

Der Neubau: nachhaltig und wirtschaftlich

Das derzeitige große Tropenhaus von 1955 ist so marode, dass es nach mehrfachen, teils jahrelangen Schließungen zwischen 2004 und 2013 nur dank aufwändiger und teurer provisorischer Abstützungen für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben konnte, aktuell befristet bis Januar 2016. Ein vom Amt für Landschaftspflege und Grünflächen und der Gebäudewirtschaft der Stadt Köln beauftragtes „Tragwerkplanerisches Gutachten“ kam zu dem Ergebnis, dass eine Sanierung des Schauhauskomplexes einschließlich der Seitenflügel wirtschaftlich nicht möglich ist. Gerade in Hinblick auf eine nachhaltige Lösung ist der Neubau mit einer erwarteten Lebensdauer von 80 Jahren die einzige wirtschaftlich vertretbare Lösung.

Um den „Tropischen Hof“

Das neue Schaugewächshaus wird wieder um den als Ensemble denkmalgeschützten „Tropischen Hof“ entstehen. Die Anordnung der drei Flügel und die Grundflächen bleiben dabei nahezu unverändert, erreichen bei ganz neuer Form und größeren Bauhöhen bis 16,70 Metern auch ein deutlich größeres Volumen. Dies ist für die dargestellten Pflanzenwelten sehr vorteilhaft. Der Eingangsbereich liegt in Zukunft gut sichtbar auf den beiden sich dort treffenden historischen Achsen der FLORA und des Botanischen Gartens. Eine fünf Meter hohe, verglaste „Orangerie“ stellt die Verbindung zum 100 Meter entfernten Subtropenhaus (Bestand) her. Sie vergrößert die Ausstellungsfläche zum Beispiel für die international ausgezeichnete Kamelien-Ausstellung im Winter, für die Wechselausstellungen im Sommer und gibt Raum für die Überwinterung von attraktiven Kübelpflanzen.

Gartenplan

Ferne Tropen – spannende Wüsten

Die vier Schaugewächshäuser der FLORA ermöglichen einen Kurzurlaub in den „Kölschen Tropen“ das „Labor Wüste“ und zu den „Kamelien und Baumfarnen“. Mit dem Spaß verbunden werden das „Forschende Lernen“ und die „Globale Bildung zur Nachhaltigkeit“ von Kindern, Schülern, Studenten und den mehr als 1,3 Millionen Besuchern der FLORA.

Innentreppe

Pflanzen – die Basis allen Lebens

90 % der Pflanzenvielfalt der Erde wächst in den Subtropen und Tropen, nur 1% in Deutschland. Pflanzen als Primär-Produzenten ernähren uns und alle Tiere, sie produzieren den Sauerstoff, kleiden uns, liefern Medikamente und Baustoffe für unser Überleben.

Intakte Ökosysteme, ein stabiles Klima und gesunde Böden basieren auf einer artenreichen Pflanzenwelt. Die lebendige Anschauung bei dieser „Globalen Bildung“ – en passant beim Kurzurlaub in den Schauhäusern oder in expliziten Bildungsprogrammen – führt zu einer emotionalen Begeisterung und höherer Wertschätzung der Pflanzenwelt.

 

Baumfarn

Locken mit Schönheit, bestäuben mit Wissen

In der FLORA gelingt dies dank der Vereinigung von Schönheit und Wissenstransfer besonders gut. So werden naturwissenschaftliche Interessen geweckt und künftige Fachkräfte und Wissenschaftler angeregt. In der Medienstadt Köln sind die Schaugewächshäuser zudem sehr wichtige, attraktive und viel genutzte Dreh- und Foto-Orte für Wissenssendungen ebenso wie für Spielfilme.

Die Schatzkiste FLORA

Die wertvollen Bestände des Botanischen Gartens aus Tropen und Wüste umfassen etwa 6.000 verschiedene Arten, darunter besonders alte und nach den Washingtoner Artenschutzabkommen streng geschützte, nahezu ausgestorbene Pflanzen.

Besondere Schätze, und entsprechend hohe Fachkompetenzen, hat der Botanische Garten Köln bei Aloen aus Afrika (125 Arten), Kakteen der Amerikas (1100 Arten), Sukkulenten (1000 Arten), Palmfarnen / Cycadeen (35 Arten), Orchideen (200 Arten), Palmen (100 Arten), Bromelien (75 Arten) und Kamelien (50 Wildarten / 650 Sorten).

Auch für die Forschung im weltweiten Netzwerk der Botanischen Gärten steht dieses „Grüne Gold“ bereit. Alle Pflanzen werden während des Neubaus in die Sammlungen und in ein „Interimsgewächshaus“ umgesetzt, einige nicht verpflanzbare Großpflanzen und Kostbarkeiten werden vor Ort beschützt und wieder in den neuen Schauhäusern zu sehen sein.

Neue Route für die Weltreise

Vom neuen Eingang an der Palmenallee geht es auf zu einer exotischen Weltreise. Auf dem etwa 500 m langen Entdeckerweg durch die neuen Schauhäuser geht es vollständig barrierefrei, topografisch inszeniert durch Höhenunterschiede und wechselnde Blickachsen, durch die Themenwelten des Pflanzenreichs.

 

Grundriss mit Wegeführung durch die SchaubereicheVon den Tropen ...

Feuchtwarm ist es in den wechselnden Plantagen, bei den „Tropischen Nutzpflanzen“: sie sind uns als Nahrung sehr nahe und daher als Einführungsthema besonders geeignet. Eine Holzbrücke führt über den Tropenteich vorbei an einem Wasserfall, dann geht es langsam auf dem Höhenweg bis unter die Kronen der tropischen Bäume, wo die Pfeiffrösche flöten. Durch die Richtungswechsel gibt es ständig Neues zu sehen, und in der artenreichen Pflanzenwelt des Tropenhauses erlebt man den „Wert der Vielfalt“ ganz lebendig.

... durch die Wüste ...

Nach den scheinbar nur von Luft und Liebe lebenden Aufsitzerpflanzen und prächtigen Orchideen geht es in das „Evolutionslabor Wüste„. Hier brennt die Sonne auf die Trockenlandschaften. Vorbei an den bizarrsten WassersparSpezialisten im Pflanzenreich und zu fantastischen Kakteen hinab wandert man in einen Canyon. Die Lernfläche am Ende ist umgeben von südafrikanischen Kostbarkeiten aus Namibwüste, Quarzflächen und Drakensbergen.

... zum winterlichen Farbenmeer

Bei gemäßigten Temperaturen flaniert man anschließend durch die „Orangerie“ mit aktuellen Ausstellungen und attraktiven Kübelpflanzen hin zum Subtropenhaus, dessen Bestand dank gesunder Bausubstanz gesichert ist. Im Winter erfreuen dort die international ausgezeichnete Kamelien-Ausstellung, im Sommer die wahrlich beeindruckenden Baumfarne und artenreiche Fuchsien.

Verführerische Live-Show

Um für zukünftige Ausstellungen, Lehre und Didaktik höchst flexibel zu sein und die kostbaren Pflanzenbestände und Fachkompetenzen in Köln optimal zu nutzen, wurde bewusst auf ein übergreifendes, geobotanisches Spezialgebiet verzichtet. Sehen, fühlen, riechen, verstehen wird das Motto sein – also, das Smartphone ausschalten! Neben der veränderten Architektur mit optimierten Wuchsbedingungen wird gerade das didaktische Konzept des sinnlichen Erlebens die Attraktivität des Ersatzneubaus der Schaugewächshäuser ausmachen.

Protea

Licht, Luft und Raum

Die geradezu klassisch anmutende Architektur der neuen Schauhäuser spiegelt die Jahrhunderte alte Erfahrung im Gewächshausbau. Sie orientiert sich am Lichthunger der Pflanzen: Die Parabelform erlaubt bei jedem Sonnenstand den optimalen Lichteinfall in die Gewächshäuser. Dabei sparen die Stahlbögen bei freier Spannweite von bis zu 21 Metern Material und Kosten und verringern zusätzlich die Verschattung. Die filigrane Raumstruktur erreicht bei kaum veränderten 2.000 qm Fläche jedoch nun Scheitelhöhen von 16,70 Meter im Tropenhaus bzw. 7,80 Meter in Nutzpflanzen- und Wüstenhaus.

Schaugewaechshaeuser aussen

Optimiertes Wachstum

Die unterschiedlichen Klimazonen werden durch den Einsatz modernster Materialien und Technik realisiert. Für ein optimales Pflanzenwachstum gerade auch in den lichtarmen Monaten ist eine für möglichst alle Wellenlängen des Lichts hoch durchlässige Hülle erforderlich, bei gleichzeitiger Anforderung der Wärmedämmung. Insbesondere für die maximale UV-B-Durchlässigkeit kommt daher die neu entwickelte Isolierverglasung mit Verbundsicherheitsglas aus speziellem Weißglas und einer integrierten UV-durchlässigen Folie zum Einsatz. Das Glas bietet Widerstand gegen die Witterung, das innen liegende Verbundglas die Sicherheitsanforderungen im Über-Kopfbereich bei Besucherverkehr. Im besonders energiehungrigen, warmen Tropenbereich wird zu-
sätzlich eine Wärmeschutzbedampfung eingesetzt, bei den kühler kultivierten, aber noch lichthungrigeren Wüstenpflanzen kann diese entfallen.

Optimierte Besucherwege

Die „Orangerie“ stellt als 100 Meter lange voll verglaste Ausstellungs- und Eventfläche den Anschluss zum Subtropenhaus dar. Hier sind weitere 580 qm Raum für eine Erweiterung der bekannten Kamelien-Ausstellung, für Wechselausstellungen und für attraktive Kübelpflanzen auch in der Überwinterung. Mit dieser Fläche können zusätzliche Besucher gewonnen werden. Wegeausweitungen sind auch in allen anderen Bereichen der Schauhäuser als Lern-, Ausstellungs- und Eventflächen nutzbar. Die topografische Höhengestaltung im Tropenhaus wird durch die Überbauung notwendiger Technikräume auf der Seite des Betriebhofes erreicht. Die bisher dort untergebrachten Fahrzeuge werden logistisch günstig im südlichen Teil des Betriebshofes in neuen Garagen untergebracht.


Orangerie 

Fotosynthese = Sonnenlicht + CO2 + Wasser

Gewächshäuser befördern das Pflanzenwachstum durch höhere Temperaturen aufgrund der Aufwärmung durch Sonneneinstrahlung. Sie erlauben dadurch die Kultur von Pflanzen aus wärmeren Klimazonen, zum Beispiel ganzjährig belaubt wachsender Tropengewächse. Trotz des gläsernen Witterungsschutzes benötigen diese in unserem Klima vor allem nachts und im Winter weitere Heizenergie. 

Zeichnung1

CO2-Neutralität

Bei den neuen Schaugewächshäusern wurden dazu die Alternativen der Energieversorgung zusammen mit der Rheinenergie hinsichtlich der CO2-Neutralität und der Wirtschaftlichkeit geprüft. Unter anderem kommt in der Innenstadtlage ein Hackschnitzelwerk aufgrund der Lärm- und Staubelastung (einschließlich des erforderlichen Transportes zusätzlicher Energieträger) nicht in Frage. Die solare Energie wird direkt im Schauhaus genutzt – Dächer für Solarenergie stehen bei der Glasfassade nicht zur Verfügung. Darum wird die schon im Garten anstehende Fernwärme aus Niehl zum Einsatz kommen, die in der Summe am Standort CO2-neutral ist. Die innovative, hoch lichtdurchlässige und energiesparende Glasfassade führt dabei insgesamt zu einer Einsparung von mehr als 50% des Energiebedarfs (pro Volumen) konventioneller Gewächshäuser.

 

Zeichnung2

Kostbares Regenwasser

Für die Spezialisten und Exoten im Pflanzenreich wird besonderes Wasser benötigt. Kostbar ist das weiche Regenwasser, welches gesammelt in einer neuen, größeren Zisterne einen großen Teil des Gießwassers deckt. Der restliche Bedarf wird durch den Anschluss an den dann vorhandenen Grundwasserbrunnen, der derzeit für die Versorgung der Teiche im Garten geplant ist, bereit gestellt. Der Verbrauch des teuer aufbereiteten Stadtwassers wird vermieden. Das Grundwasser wird dann über eine Osmose-Anlage entsalzt und für die Verwendung als Gießwasser aufbereitet. Durch die Verwendung moderner Technik wird der Betrieb der neuen Schaugewächshäuser nachhaltiger und kostengünstiger gestaltet.

 

Zeichnung3